10 verblüffende Fakten aus der Welterbe-Region Erzgebirge

02.07.2024

Herzklopfen vor Aufregung. Stille. Und dann: Gänsehaut. Am 6. Juli 2019 hält gefühlt das ganze Erzgebirge die Luft an, als das UNESCO-Welterbekomitee in Baku tagt. Es ist die Jahreskonferenz, auf der entschieden wird, welche Bewerber in die Welterbeliste eingetragen werden. Um 14:40 Uhr ist es dann soweit: Per Hammerschlag heißt es: adopted. In dieser Minute wird die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří zum UNESCO-Welterbe ernannt. Nun steht die Region auf einer Bühne neben der Freiheitsstatue in New York oder den Pyramiden von Gizeh. Zu Recht sind die Erzgebirgerinnen und Erzgebirger stolz auf ihr Erbe, welches sich in über acht Jahrhunderten zu ihrer besonderen DNA entwickelt hat. Aus gut gehegten Traditionen entstehen bis heute innovative Lösungen und ein außergewöhnliches Lebensgefühl, auf welches die Welt blickt. Wir haben genauer hingeschaut und beispielhaft zehn Schätze herausgepickt.

1. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ wurde im Erzgebirge begründet.

Der heutige Begriff der Nachhaltigkeit geht auf den Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz zurück. Dieser begründete 1713 das Prinzip der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit. Er kritisierte den auf kurzfristigen Gewinn ausgelegten Raubbau der Wälder, deren Holz intensiv in Erzgruben und Schmelzhütten, aber auch im Städtebau zum Einsatz kam. Er sorgte dafür, dass mit systematischer Aufforstung der Bestand langfristig erhalten wurde.

2. Der im böhmischen Erzgebirge geprägte „Thaler“ – Joachimsthaler – ist Namensgeber der heute wichtigsten Weltwährung: des Dollars.

Die ersten Silbermünzen wurden in Annaberg geprägt – die Schreckenberger. In Jáchymov (St. Joachimsthal) folgte nach deren Vorbild die Silbermünze „Joachimsthaler Guldengroschen“. Als Handelsmünze fanden diese – kurz als „Thaler“ bezeichnet – schnell Verbreitung in Europa und beeinflussten die Entwicklung des europäischen, neuzeitlichen Währungssystems. Die Bezeichnung „Thaler“ wurde in zahlreiche andere Sprachen übernommen und ist Namensgeber für den „Dollar“.

3. Neue chemische Elemente wurden entdeckt.

Marie Curie isolierte auf Basis von Uranerz aus Jáchymov im Jahr 1898 erstmals die radioaktiven Elemente Radium und Polonium. Später erhielt die Physikerin und Chemikerin dafür den Nobelpreis. Clemens Winkler, Hüttenmeister im Blaufarbenwerk Niederpfannenstiel, entdeckte im Jahr 1886 an der Bergakademie Freiberg das Element Germanium.

4. Der Schachtkomplex 371 bei Bad Schlema gehörte zeitweise zu den tiefsten Bergwerken Europas.

Die Anlage wurde ab 1956 errichtet und erreichte eine Abbautiefe von mehr als 1.800 Metern. Hier arbeiteten bis zu 3.000 Personen und bauten Uran ab.

5. Eine der wichtigsten Zutaten für das Meissener Porzellan war die „Schnorrsche Tonerde“ aus der „Weiße Erden Zeche“ in Aue.

Die Grundlage zur Erzeugung des „Weißen Goldes“ wurde hier gefördert: Kaolin eignete sich ausgezeichnet zur hochwertigen Porzellanherstellung, sodass die St. Andreas Fundgrube/Weiße Erden Zeche ab 1711 alleiniger Lieferant für die Porzellanmanufaktur in Meißen wurde. Das erzgebirgische Kaolin durfte laut kurfürstlichem Mandat von August des Starken nirgendwo anders hingeliefert werden. 

6. Die älteste montanwissenschaftliche Hochschule der Welt ist in Freiberg.

Die Bergstadt entwickelte sich nach ihrer Gründung 1168 aufgrund des Montanwesens zu einem bedeutenden wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum. Das Gesicht der ältesten Berg stadt des Erzgebirges wird von zahlreichen montanhistorisch bedeutenden Bauwerken geprägt, so u.a. vom Oberbergamt oder von der 1765 gegründeten TU Bergakademie Freiberg , an der im 19. Jahr hundert die Elemente Indium und Germanium entdeckt wurden.

7. Seit 600 Jahren arbeitet im Erzgebirge die älteste Gießerei Deutschlands.

1380 wurde der „Hammer in der Erl“ erstmalig urkundlich erwähnt. Von der einstmaligen Bedeutung des Werkes für die Eisenproduktion und -verarbeitung zeugt der Herrenhof aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Heute zählt das Eisenwerk Erla zu den modernsten Kundengießereien in Deutschland und produziert anspruchsvolle Gussteile.

8. Über 400 Gebäude in Europa (z.B. die Dresdner Frauenkirche, der Naumburger Dom und die Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia, Bulgarien) wurden mit dem Grünthaler Kupfer verziert.

Die Saigerhütte Grünthal war ein selbstständiges Gemeinwesen mit eigener Gerichtsbarkeit. Mit Übernahme durch das Kurfürstentum Sachsen wurde die Hütte zum Zentrum der Kupferverarbeitung und Silbergewinnung. Das Saigern war ein besonders innovatives Verfahren, um Kupfer von Silber zu trennen. Nahezu alle Gebäude sind bis heute erhalten geblieben. 

9. Kobaltblau aus dem Erzgebirge dominierte im 17. und 18. Jahrhundert in Europa und der Welt.

Es brachte die berühmten Delfter Kacheln, Meissener oder Chinesisches Porzellan zum Strahlen und wurde hier zum ersten Mal gewonnen. Das jüngste der ehemals fünf Blaufarbenwerke – „Schindlers Werk“ – befindet sich in Zschorlau, wo es 1650 von Erasmus Schindler gegründet wurde. Schindlers Blaufarbenwerk in Zschorlau gilt heute als wahrscheinlich älteste noch in Betrieb befindliche Farbenmühle der Welt.

10. Die St. Annenkirche ist eine der bedeutendsten spätgotischen Hallenkirchen Deutschlands.

Ende des 15. Jahrhunderts wurde Annaberg gegründet. Mit den Erträgen des intensiven Silbererzbergbaus konnten viele Bauwerke errichtet werden, u.a. die Hallenkirche St. Annen. Für diese war bereits im planmäßig angelegten Stadtgrundriss ein exponierter Standort festgelegt worden. Sie beherbergt zahlreiche Kulturschätze, wie z. B. den berühmten Bergaltar von Hans Hesse,  der ersten Kunstdarstellung des erzgebirgischen Bergbaus.

Glück Auf!

Mit „Glück Auf“, dem Gruß der Bergleute, grüßt man sich auch heute noch im Erzgebirge im Alltag – ein Beispiel, wie gesellschaftliche Werte und das stolze Lebensgefühl Jahrhunderte überdauern. Zu „Glück Auf – der Steiger kommt“ – gesungen in allen Bergbauregionen Deutschlands liegt der Ursprung des bekannten und oft zelebrierten Liedes im 16. Jahrhundert im Erzgebirge. 

17 + 5 = 1

In Verbindung der insgesamt 22 Bestandteile, davon 17 auf sächsischer und 5 auf tschechischer Seite, liegt der außergewöhnliche universelle Wert der Montanregion als UNESCO-Welterbe begründet. Sie repräsentieren die wichtigsten Abbaugebiete und Epochen des sächsisch- böhmischen Erzbergbaus und vermitteln gemeinsam das Bild einer vom Bergbau geprägten historischen Kulturlandschaft. Die von der UNESCO geführte Liste des Welterbes umfasst aktuell 1.199 Stätten in 168 Ländern.

Text: Sabine Schulze-Schwarz
Fotos: Welterbe Montanregion Erzgebirge e.V., Albrecht Holländer, TU Bergakademie Freiberg/Detlev Müller


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